Neues PDF
Neues Bild
   
   
   
 
Schreibwerkstatt


Schreibzutaten sind eigenes Erleben, Fantasie und die Lust, Gedanken aufs Papier zu bringen.

Lesen Sie die Geschichte von © Fatima A.:

Es begann im März


Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, meine Arabischkenntnisse aufzufrischen. Zur Volkshochschule gehen wollte ich nicht. Der Weg dorthin war mir zu umständlich, und es war mir zu teuer. Da las ich von einem Verein, der Sprachpartnerschaften vermittelte. Das war etwas für mich. Ich rief an, fragte nach einem Sprachpartner, lieber einer Sprachpartnerin.
 
Das war im Dezember. Leider gab es keinen Partner für mich, schon gar keine Partnerin, schade. Ich wurde auf die Warteliste gesetzt und vergaß die Angelegenheit. Im März erhielt ich einen Anruf: Es wäre ein Sprachpartner für mich gefunden. Darüber freute ich mich, hatte damit gar nicht mehr gerechnet.
Am 15. März lernten wir uns kennen.
Lernen und lehren war nun mein Leben. Mir war bisher nicht bewusst, wieviel ich vergessen hatte. Oder hatte ich das gar nicht gelernt? Ameen, mein Lehrer-Schüler, hatte das gleiche Problem mit der deutschen Sprache.
Wir trafen uns fast täglich. Meistens kam Ameen zu mir. Bei zunehmend schönem Wetter verlegten wir unseren Unterricht auf die Terrasse.
 
Es war eine schöne Zeit. Wir wurden mit jeden Tag vertrauter miteinander. Längst ging es nicht mehr nur um die Sprache. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt, über Familie, Freunde und Politik, mal auf Deutsch, mal auf Arabisch,
Reden und Verstehen klappten immer besser, aber die Schrift! Ich lachte los und sagte: „Das sind wild gemachte Regenwürmer.“ Abgesehen von dem ach so fremden Aussehen hat diese so ihre Tücken. Was wirklich gemeint ist, ergibt sich erst aus dem Zusammenhang. Geschrieben wird zum Beispiel: „ktb“. Das kann dann Buch heißen, oder schreiben, oder Büro oder noch ein paar andere Bedeutungen, die alle mit schreiben zu tun haben.
 
Es wurde Sommer, es wurde Herbst, wir lernten beide fleißig. Im Winter heirateten wir, und im Frühling flogen wir nach Saudi-Arabien, wo ich Ameens Mutter und den großen Rest der Familie kennenlernte. Ich wurde bestaunt, als käme ich von einem anderen Stern. Dass eine Deutsche einen Araber heiratet, ist ja gar nicht so selten. Auch dass sie der Familie vorgestellt wurde, war fast normal. Dass ich mich so gut auf Arabisch unterhalten konnte, versetzte die Familie in Erstaunen.
Ich wurde rumgereicht wie ein Wundertier, musste die Nachbarn besuchen und wurde von allen Familienmitgliedern besucht. Und das waren viele! Ameens Vater hatte zwei Frauen mit jeweils zehn Kindern. Alle waren verheiratet und hatten Kinder. Ameens älteste Schwester war schon Oma von vier Enkelkindern. Wenn dazu all die Onkel, Tanten, Nichten und Neffen mit den entsprechenden Ehepartnern und Kindern kamen, war das eine kleine Armee.
 
Zuerst fand ich alles spannend und interessant. Doch mit der Zeit sehnte ich mich danach, mal ein wenig Ruhe zu haben, etwas Zeit für mich.
So war ich froh, im Juli endlich abzureisen, zumal es jetzt wirklich heiß wurde. Besonders für mich war es unerträglich, Besuche zu machen, denn wenn ich das Haus verließ, musste ich von Kopf bis Fuß unter einem schwarzen „Zelt“ versteckt sein. Und das bei mindestens 40° im Schatten. Wo war Schatten?
Ich war glücklich, als mich Hamburg mit Regen und knapp 20° Mittagstemperatur empfing.
 
Jetzt ist es wieder März. Ameen möchte, dass wir zu seiner Familie fliegen. Ich danke, schlage vor, die Reise zu unserem zwanzigsten Hochzeitstag im Dezember zu unternehmen.

 
 
Lange Aktiv Bleiben e.V. (2014)