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Schreibwerkstatt


Schreibzutaten sind eigenes Erleben, Fantasie und die Lust, Gedanken aufs Papier zu bringen.

Lesen Sie die Geschichte von © Hannelore R.:

Ein kurzer Moment

 
„Was für ein ungemütliches Wetter“, dachte Hans Weide, als er sich den Fahrradhelm aufsetzte und seine Lederjacke zuknöpfte. Es war später geworden, als er gedacht hatte. In der Bank von Goosberg hatte er lange für den Kredit kämpfen müssen, den er für seinen Garagenanbau brauchte. Schließlich hatte die Aussicht auf ein späteres Beamtengehalt dazu geführt, dass er den Kredit bekommen hatte. Heute Abend wollte er sich deshalb zu Hause ein Glas Wein genehmigen.
Hans Weide schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr die herrliche Allee nach Grünenwalde hinab. Die acht Kilometer waren für den durchtrainierten jungen Mann eine leichte Übung. Heute musste er allerdings langsamer fahren, denn überall auf der Straße lag das feuchte Herbstlaub, und die Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge blendeten manchmal erheblich. Als noch ein Autofahrer hinter ihm hupte, erschrak Hans und lenkte das Rad für einen kurzen Moment nach links. Das Auto hatte gerade zum Überholen angesetzt.
Hans Weide spürte, dass etwas Hartes gegen sein Fahrrad knallte. Es wurde dunkel vor seinen Augen.
***
Kurz vor dem Schulbeginn ertönt in Klasse 3b ein großes Stimmengewirr. „Habt ihr schon gehört? Herr Weide ist angefahren worden!“
„Ist ihm etwas Schlimmes passiert?“
„Das weiß ich nicht, er ist im Krankenhaus. Wir haben heute Herrn Fries.“
„Schade. Dann haben wir heute bestimmt keinen Sport.“
Erst als Lehrer Fries die Klasse betrat, wurde es still. “Hört mal her, Kinder, der Herr Weide hatte einen schweren Unfall. Er wurde angefahren. Ihr werdet jetzt ein paar Tage Vertretungsunterricht haben.“
„Wer hat ihn angefahren?“, wollte Susanne wissen.
„Das weiß man leider nicht. Das Fahrzeug ist einfach weggefahren.“
„Das darf man aber nicht!“, meldete sich Ulrich.
„Stimmt, Ulli, das ist eine Straftat. Ich hoffe, dass der Fahrer bald gefasst wird. Nun ist erstmal wichtig, dass Herr Weide gesund wird“, sagte Herr Fries.
Die Kinder nickten, und der Unterricht konnte beginnen.
***
Die drei Polizisten der Wache in Grünenwalde hatten heute nur ein Thema, nämlich den Unfall gestern auf der Allee nach Goosberg. „Wie kann so ein Kerl einfach abhauen?“, empörte sich Moritz Meier. „Er muss doch im Rückspiegel gesehen haben, dass er einen Unfall verursacht hatte.“
„Vielleicht hat er überhaupt nicht kapiert, was da passierte, weil er einen Schock hatte?“, sagte Hartmut Weis. „Ich war neulich auch in solcher Situation, als ich…“
„Das wollen wir jetzt gar nicht wissen“, fauchte Polizeiobermeister Kiehn, der gerade viel Arbeit auf sich zukommen sah. „Also, was haben wir an Anhaltspunkten?“
„An dem verbeulten Fahrrad wurden rote Lackspuren entdeckt. Das Rad ist grün, also werden sie wohl von dem Unfallauto stammen.“
„Das ist zwar nicht viel, aber immerhin ein Anfang. Der Fahrer wird sein Auto bestimmt schnell reparieren lassen. Wenn wir Glück haben, ist der vielleicht aus unserer Gegend. Wir sollten mal in der Autowerkstatt in Goosberg anrufen und um Bescheid bitten, wenn jemand sein rotes Auto zur Reparatur oder zum Lackieren bringt.“
„Wir kümmern uns darum,“ versprachen die jungen Polizisten.
***
Langsam ebbte das Brummen in seinem Schädel ab, und Hans Weide konnte wieder einen klaren Gedanken fassen. Er lag in einem Krankenbett, sein Kopf war verbunden. Sein Nacken schmerzte, jede Bewegung tat ihm weh.
Eine Krankenschwester betrat das Zimmer. „Na, Herr Weide, geht es Ihnen besser?“
„Geht so. Was ist denn passiert?“
„Sie hatten einen Unfall mit dem Fahrrad. Jemand hat Sie mit dem Auto angefahren.“
„Und wer war das?“, wollte Hans Weide wissen.
„Die Polizei tappt noch im Dunkeln, der Fahrer ist einfach weggefahren. Sie hatten Glück, weil gleich ein Arzt zur Stelle war und erste Hilfe leisten konnte. Jetzt sind Sie ja bei uns in guten Händen“. Die Krankenschwester lächelte, und auch Hans Weide verzog sein geschwollenes Gesicht zu einem leichten Grinsen.
„Wenn ich den in die Finger kriege,“ sagte er leise, aber da war er wieder allein im Zimmer.
***
Rechtsanwalt und Notar Rainer Markwart saß in seiner Praxis in Goosberg vor einem Berg Akten. Es fiel ihm heute sehr schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Immer wieder hatte er die Heimfahrt gestern Abend vor Augen. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, und schon war es passiert. Er hatte sich wieder einmal sehr über seine Frau Lisa geärgert. Warum konnte sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Sogar am Telefon berichtete sie über ihre „Fälle“, das waren verhaltensauffällige Jugendliche, mit denen sie täglich zu tun hatte. Sicher, andere Ehemänner würden sich vielleicht freuen, wenn sie so am Berufsleben ihrer Ehefrauen teilnehmen könnten, aber er hatte einfach keine Lust auf ihr psychologisches Gequatsche. Ihm schwirrte der Kopf, und er war müde.
Und dann dieser Radfahrer vor ihm! Wollte der ihn noch provozieren durch sein extra langsames Fahren? Markwart wurde zunehmend ärgerlich. Er hupte und setze zum Überholen an. Doch plötzlich zog der Radfahrer nach links. Zum Ausweichen war es zu spät, und dann war es geschehen. Markwart sah nur noch im Rückspiegel, wie das Rad umkippte und der Radfahrer auf die Erde fiel.
Blitzschnell lief ein Film vor ihm ab. Was würde passieren, wenn seine Klienten erführen, dass er jemanden angefahren hätte? Was wäre mit seinem Ruf als renommierter Rechtsanwalt? Wie sollte er finanziell für den Schaden aufkommen? Er hatte sich doch gerade den schicken, teuren, roten Cabriolet gekauft und sich damit ohne Wissen seiner Frau kräftig verschuldet. Die Gedanken überschlugen sich, und es gab für ihn nur noch eine Lösung: „Bloß weg hier!“
Heute Morgen hatte er seiner Frau erzählt, er sei gegen einen Laternenpfahl gefahren und sie gebeten, sein Auto in die Werkstatt nach Goosberg zu bringen. Er selbst war mit dem Bus gefahren. Markwart nahm eine Kopfschmerztablette, stützte seinen Kopf auf die Hände und wünschte, es wäre vorgestern.
***
„Guten Morgen, Frau Markwart. Nanu, was ist denn passiert?“ fragte der Mechaniker der Autowerkstatt erstaunt, als er den beschädigten Cabriolet sah.
„Mein Mann ist gegen einen Laternenmast gefahren. Mehr weiß ich auch nicht.“
„Wie ärgerlich! Na, da wollen wir mal sehen, was wir tun können“.
Nachdem Frau Markwart wieder gegangen war, meldete sich der Mechaniker bei der Polizeiwache. „Ich glaube, ich kann Ihnen weiterhelfen“, sagte er stolz und berichtete von dem roten Cabriolet, das Herrn Markwart gehörte.
„Wer hätte das gedacht? Dieser Markwart also! Dem sollten wir jetzt schnell einen Besuch abstatten“, sagte Polizist Kiehn, als er den Telefonhörer aufgelegt hatte.
***
Hans Weide saß zum ersten Mal auf dem neuen Fahrrad. Es war grün wie das alte, hatte aber außer einer 12-Gang-Schaltung noch allerlei Schnickschnack. “Damit zur Schule zu fahren, wird richtigen Spaß machen“, dachte er. Das Rad hatte er von dem Schmerzensgeld bezahlt, das er nach dem Unfall bekommen hatte, und das war ziemlich großzügig bemessen.
„Tja, manchmal muss sogar ein Rechtsanwalt einem kleinen Lehrer sein Recht zugestehen“, sagte er halblaut, und lächelnd fuhr er los.
 
 
 
Lange Aktiv Bleiben e.V. (2014)