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Schreibwerkstatt


Schreibzutaten sind eigenes Erleben, Fantasie und die Lust, Gedanken aufs Papier zu bringen.

Lesen Sie die Geschichte von © Annemarie J.:

Seltene Vögel – eine Kindheitserinnerung

 
In jedem Frühjahr kam ein Tag, an dem ich begeistert rief: „Der Storch ist da, der Storch ist da! Habt ihr schon gesehen, der Storch ist da!?“ Ein großes Nest auf dem Turnhallengiebel wartete auf ihn seit dem letzten Herbst, nachdem die Störche es verlassen hatten. Denn es waren natürlich zwei Störche, die mit ihren langen roten Beinen im Nest standen und mit den spitzen Schnäbeln klapperten.
Im Laufe von Frühling und Sommer erlebten wir die Brutzeit und die Ankunft der Storchenkinder. In unserem großen Garten hatten wir sozusagen einen Logenplatz. Täglich begrüßte ich sie. Sie waren willkommene Gäste!
In den Feuchtwiesen sahen wir die Störche stolzieren. Sie suchten Nahrung, Insekten, Eidechsen, möglichst Frösche, aber sie taten es mit Würde. Das Märchen von Kalif Storch aus 1001 Nacht wurde durch dieses Bild lebendig, es wurde Gegenwart.
 
Noch andere seltene Vögel erschienen im Frühjahr:
Auf dem freien Platz neben unserem Garten erschienen Wohnwagen mit Anhängern. Nun wurde gehämmert, laute Rufe ertönten: Die Schießbude wurde aufgebaut und dazu meine geliebte Schiffschaukel. Manchmal war es auch ein Kettenkarussel, auf dem man sich so herrlich gegenseitig schupsen konnte. Viel Lachen und laute Schlagermusik erscholl dann vom Nachmittag bis in den Abend hinein. Die Kinder und Jugendlichen der ganzen umliegenden Dörfer versammelten sich; und so manches Techtelmechtel nahm hier seinen Anfang. Erste zaghafte Küsse sollen hier ihre geeigneten Bedingungen gefunden haben. Das Gesehenwerden und das Sich-Verstecken, hier war der Ort dafür. Und dazu sangen Friedel Hensch und die Zypries vom „Alten Försterhaus“, und Freddy Quinn sang: „Heimatlos sind viele auf der Welt, heimatlos und einsam wie ich.“
 
Meine Mutter gab die Kleidung, aus der mein Bruder und ich herausgewachsen waren, an die Frau des Schaustellers Delmendahl. Sie stellte sich auf eine Leiter und reichte die Kleidungsstücke zum Begutachten hinüber über den Zaun. Ich schlich so früh wie möglich auf den Festplatz und durfte manchmal in die Wagen hinein. Was für ein anderes Leben, in einem Wohnwagen von einem Ort zum anderen zu fahren! Ich hatte von einem Zigeunerkind gelesen, dem gab ich nun ein Zuhause in diesem Wohnwagen. Zigeuner waren schon im Dorf gewesen, aber nie auf diesem Platz, nie so nah.
 
Ein Zirkuszelt hat auch auf diesem Platz gestanden, wir sahen die Tiere am Tage grasen und erlebten die Spannung im Zelt. All die Zirkusleute, die am Tage so aussahen wie normale Leute, bekamen in der Zirkusvorstellung gleichsam bunte Federn, ein buntes Gefieder übergeworfen, so dass sie Paradiesvögeln glichen.
Einmal waren Seiltänzer mitgekommen. Sie bekamen einen anderen Standort. Zwei hohe Stäbe wurden eingegraben, ein Seil gespannt direkt über dem Grasstreifen zwischen unserem Garten und der Turnhalle. Die Jongleure spazierten mit einer langen Stange auf einem Seil so hoch wie das Turnhallendach. Ich brauchte keinen Eintritt zu bezahlen und durchlebte die Angst und Gefährdung, das Risiko, mit. Waren die Seiltänzer am anderen Ende angekommen, atmete ich tief und erleichtert auf. Wie leicht hätten sie herunterfallen können! Ich war schon von der Bodenleiter gefallen. Das war ein großer Schreck gewesen und es hatte wehgetan.
 
All diese seltenen und seltsamen Vögel kamen ohne mein Dazutun. Sie kamen und gingen. Ich blieb immer am gleichen Ort. Ich musste zu Hause bleiben und wäre doch sogerne mit ihnen gezogen, hätte so gerne ihr abenteuerliches Leben geteilt.
 
 
Lange Aktiv Bleiben e.V. (2014)